Aysberg-Blog Weblog einer Internetagentur

Sind Angebotsanfragen über das Internet ernstzunehmen?

Dienstag, 9. September 2008 von Jan Kurschewitz
3 Kommentare

Wenn es um neue Aufträge geht, sind uns unsere Bestandskunden am liebesten, direkt gefolgt von Interessenten, die auf Empfehlung hin kommen. Da gibt es am wenigsten Diskussionsbedarf und es lässt sich schnell klären, dass wir nicht „billige Websites“ machen.

Mit Anfragen über das Internet sind wir dagegen vorsichtig. Viel zu oft erhalten wir E-Mails, die in identischer Form an zwanzig Agenturen gehen (die Interessenten sind dabei tatsächlich manchmal so doof, alle Adressen ins „An“-Feld zu setzen).

Klasse Online-Anfrage von heute

Guten Tag,

Ja Guten Tag auch. Sie fragen bei einer Internetagentur an, über die (fast) alles auf der agentureigenen Website steht und kommen mit einem „Guten Tag“? Wie wäre es sich vorab zu informieren und dann mit einem „Guten Tag Aysberg-Team“ oder vielleicht sogar mit einem Namen: „Guten Tag Herr Kurschewitz“ zu eröffnen (meinetwegen auch mit einem „Guten Tag Herr Aysberg“)?

Brownsystems sucht nach erfahrenen Websitedesigner und Website-Erstellern um ein umfangreicheres Projekt durchzuführen.

„Erfahrene Websitedesigner“ und „umfangreiches Projekt“ treibt mir natürlich die Dollarzeichen in die Augen und ich öffne schon mal die Textverarbeitung, um gleich ein Angebot abzugeben… Aber Moment: Sind wir „Website-Ersteller“? Oder nicht eher erfahrene Website-Macher, kompetente Internetseiten-Programmierer oder allwissende Homepage-Spezialisten?

Und warum bringt die Suche nach „Brownsystems“ keinerlei Suchergebnisse? Muss wohl eine hippe, erfolgreiche Firma sein, die es sich gar nicht leisten kann, in irgendeiner Weise öffentlich zu werden. Wird auch besser sein, dass wir auch in diesem Mail nichts weiter über Brownsystems erfahren, sonst gehen wir womöglich nicht mit dem notwendigen, kreativen Abstand ans Werk.

Das Projekt besteht daraus eine komplette dynamic Website zu erstellen und eine junge Zielgruppe anzusprechen.

Wow! Komplette dynamic! Das gab’s ja noch nie! Was immer „komplette dynamic“ ist: So richtig viel Flash-Gezauber, ausgefeilte Onlineanwendungen, AJAX³ oder ein spritziges Design? Na egal, für ein Angebot reicht uns auch ein „Website (komplette dynamic) = 20.000,00 €“

Unser Kunde stellt Online-Spiele her und erwartet sich verschiedene Demos und ein sehr ansprechendes Design.

Schön, dass Sie so konkret werden. Das wäre doch gelacht, wenn wir für verschiedene Demos und sehr ansprechendes Design nicht irgendeinen konkreten Preis erfinden könnten. Sie hätten noch schreiben können: „… erwartet sich ein paar Datenbanken, ein bißchen Programmierung und irgendwas mit Computern“.

Zudem Sollen online Foren, Banners, Logos und Flash Animationen designed und erstellt werden.

Mann, Mann. Also das volle Programm! Ich fasse zusammen: Achtzehn Online-Foren, Online-Marketing-Kampagne mit „Banners“ für deutschlandweite Schaltung über 52 Wochen, Logos, Logos, Logos (wofür eigentlich) und Animationen, dass es nur so blinkt! Darf es auch ein bißchen mehr sein?

Sollten Sie an einem solchen Auftrag interessiert sein, heiße ich Ihre Gebote und Vorschläge unter folgendem Link willkommen: https://www.xplatz.com/ShowProject.xpl?pj=1009

Was heißt interessiert? Sie haben mich sowas von heiß gemacht, dass ich sofort loslegen würde! Link geklickt und: Aha. Xplatz. „express outsourcing“ – was ist das denn? Laut Selbstdarstellung: „XPlatz ist ein Online Freiberuflermarktplatz, um Experten und Freiberufler zu finden„. Kein weiterer Kommentar. Aber vielleicht haben Sie ja Glück und der einzige Komiker, der ein Angebot über 65,00 € abgegeben hat, realisiert Ihnen wirklich Ihre eierlegende Wollmilchsau!

Mit freundlichen Grüßen,
E.H. [Name von uns gekürzt]

Viele Grüße zurück – an Ihre GoogleMail-Adresse

Wenn Sie wie diese freundliche Dame keine Rückmeldung von uns erhalten möchten, geschweige denn ein solides und seriöses Angebot, befolgen Sie bitte diese Punkte:

Regeln für Angebotsanfragen per Mail

  1. Die Anrede bitte immer ohne Namen. Ein „Guten Tag“ oder „Hallo“ reicht uns völlig.
  2. Kümmern Sie sich nicht um Rechtschreibung, das Internet ist schnelllebig und Rechtschreibung nervt sowieso.
  3. Liefern Sie keine Informationen über Ihr Unternehmen oder Ihren Auftraggeber, es geht ja nur um die Website.
  4. Bleiben Sie vage in der Projektbeschreibung. Zu konkrete Informationen verstellen nur den Blick aufs Wesentliche.
  5. Verweisen Sie auf eine unbekannte Freiberuflermarktplatzwebsite, die auch nicht mehr Infos als Ihr Mail bietet.
  6. Nutzen Sie GoogleMail‑, Yahoo‑ oder noch besser: Wegwerf-Mailadressen.
  7. Hängen Sie keine Signatur an. Ein bißchen gegen das Recht verstoßen muss einem in der Angebotsphase doch erlaubt sein.

Danke an meinen Blog-Kollege Thomas Kilian von der Werbeagentur Thoxan, der immer wieder Spam-E-Mails zerlegt und mich auf die Idee zu diesem Beitrag brachte.

Autor-Icon Jan Kurschewitz | Datums-Icon Dienstag, 9. September 2008, 16:20 Uhr
Kategorie-Icon Agenturleben, Unterhaltsames
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3 Kommentare zu diesem Beitrag

  1. Kommentar 1
    Autor-Icon Bernhard
    Datums-Icon 9. September 2008 um 22:59 Uhr

    Danke für diesen Text!
    Aber ich denke, man sollte da schon differenzieren: ich bekomme sehr viele Aufträge über meine Website und habe kein Problem, wenn jemand einfach nur anfragt, „ich mache dies und jenes und brauche eine ‚Homepage‘, was kostet das?“
     – klar reicht diese Anfrage nicht, um ein konkretes Angebot zu schreiben, aber eine Gesprächsbasis ist es auf jeden Fall.
    Wenn aber in so einer Anfrage auf MyHammer etc. verwiesen wird, nehme ich mir nichteinmal die Zeit, zu antworten.

    Grüße
    Bernhard

  2. Kommentar 2
    Autor-Icon Thomas Kilian
    Datums-Icon 10. September 2008 um 08:22 Uhr

    Lieber Jan,

    Du bist ab sofort offizielles Mitglied des Online-Entspammungs-Teams – herzlich Willkommen im Club!!!

    Grüße! – Thomas#

  3. Kommentar 3
    Autor-Icon jingles-salzburg
    Datums-Icon 30. Mai 2009 um 23:23 Uhr

    Ein gut gemeinter Versuch aber mehr wohl auch nicht.
    Internetnutzer auch Auftraggeber schreiben leider nun mal wie ihnen der Mund gewachsen ist.
    Das geht ja schon beim Betreff los.
    Viel wichtiger ist mir die Erreichbarkeit des Kunden um meine Fragen zu stellen.

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